Von Vilnius über die Mitte Europas bis nach Riga


Nach drei super Tagen mit viel Sonne und Baden im See gehts auch für uns weiter. Westlich an Vilinius vorbei wird es wieder einsamer und wir fahren auf der 101 in Richtung Molétai bis zur Mitte Europas. Hier 25km nördlich von Vilinius ist die geografische Mitte Europas. Auf der Suche nach dem Gedenkstein treffen wir einen Hamburger auf (oder besser neben) seiner BMW. Auch beim Suchen hatte er das Motorrad umgeschmissen und war froh, dass wir ihm jetzt "Starthilfe" geben konnten. Er war gerade auf dem Weg zurück nach Hamburg - vom Baikalsee, wo er mit einer Reisegruppe hingereist und alleine zurückgefahren war. Die Mitte Europas Am Montag sollte bei ihm die Arbeit wieder weitergehen und so hatte er noch 2 1/2 Tage Zeit, um von der Mitte Europas bis nach Hamburg zu fahren !! Entsprechend schnell ist er weiter in Richtung Süden und wir machen uns auf den Weg in den "Aukstaitijos nacionalinis parkas" eine riesige Seenplatte, mit über 1000 Seen. Hier gibt es unter anderem Elche, Bären und Adler. Bei der Einsamkeit der Landschaft kann man sich das gut vorstellen. Campingplätze erkennt man an dem Schild mit dem weißen Zelt auf blauen Grund. Den Rest stellt man sich vor. Bei den wenigen Touristen mag das die Landschaft noch eine Weile verkraften. Hier treffen wir viele Litauer, die hier an den Seen Urlaub machen. Wir kommen auch ab und zu ins Gepräch. So mit Händen und Füssen und ein paar Brocken Deutsch bzw. Litauisch unterhalten wir uns. Viele Litauer arbeiten im "Autobuisness ! ? " und fahren alle 1 bis 2 Wochen nach Deutschland um Autos zu importieren. Beliebteste Marke ist der Audi was auf den Straßen des Baltikums unschwer zu erkennen ist. Nach meinen Schätzungen dürfte eigentlich bei uns kein einziger Audi 100 mehr herumfahren...
Die Landschaft ist grandios. Beim Sonnenuntergang am Ufer des Sees fragen wir uns, warum es eigentlich im Vergleich mit Skandinavien nur so wenig Stechmücken gibt und genießen die laue Nacht unter einem Sternenhimmel, den man eigentlich nur aus Südeuropa kennt.
In unmittelbarer Nachbarschaft ist das wohl gefährlichste AKW der Welt: In der Stadt Ignalina wird noch ein Kernkraftwerk a la Tschernobyl betrieben. Trotz massiver Proteste, vor allem aus Schweden, wird es weiter betrieben. Nur der große Protest der Bevölkerung konnte den Bau zweier weiterer Reaktoren vehindern. Immerhin bezieht Litauen 80% seines Strombedarfs aus Ignalina. Supermarkt in Litauen Mittlerweile sind wir in Riga angekommen. Der Weg hierher war gar nicht so einfach. Getreu unserer westlichen Vorstellungen über Grenzen sind wir einfach an den nächstbesten Grenzübergang, der auf unsrerer Strecke lag, herangefahren. Bei unserer Ankunft am Grenzübergang Skaistkalne sorgen wir zunächst für Erheiterung der Leute: Der schon etwas ältere Typ mit seiner Frau im Boot der Jawa 350 - das musste doch irgendwie fotografiert werden - was die Frau im Boot in Verlegenheit und den Rest des Grenzübergangs zum Lachen brachte. Bald darauf kam aber die Ernüchterung. "NO GO!" hieß es vom lettischen Grenzbeamten. Dies sei ein nationaler Grenzübergang, also nur für Litauer und Letten! Wir müssten umdrehen. Zur kompletten Verwirrung wollte der dann doch unsere Pässe und Fahrzeugpapiere haben. Unsere Hoffnung, doch noch passieren zu dürfen steigt wieder aber nach 15min kam dann erneut die Bestätigung zum umdrehen. Also wieder zurück und diesmal über den größeren Grenzübergang zwischen Pasvalys in Litauen und Bauska in Lettland. Die Gegend ist extrem dünn besiedelt, und wir fahren durch endlos große Felder und Wiesen. Fast auf jeder Wiese sind mehrere Störche zu sehen und jeder Bauernhof hat sein eigenes Storchennest.

Lettland

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Jawa 350 mit Oma im Boot Als wir am Grenzübergang ankommen wird uns klar, warum man uns den kleineren empfohlen hatte. Eine riesige Schlange von LKW's staute sich hier und wir stellen uns brav hinten an. Diesmal ist es unproblematisch und wir fahren in Richtung Bauska auf der A7 weiter. Der Verkehr ändert sich schlagartig. Einige finnische Trucker, die wohl viel Zeit verloren haben, fahren, als ob es um Leben und Tod ginge. Als wir durch die Umwege schon spät und ziemlich abgekämpft in Riga ankommen, finde ich den Stadtcampingplatz auf Anhieb. Dumm nur, dass der nicht mehr existiert. Nach kurzem Blick auf die Karte entscheiden wir uns nach Jurmala herauszufahren. Jurmala, das ist seit über 100 Jahren ein Ostseebad und die "Sommerfrische" der Rigaer. Kaiser und Könige , Bürger und auch der KGB haben hier schon die wärmste Zeit des Jahres verbracht. Der Hausstrand Rigas ist jedoch über die Jahre kaum verändert worden. Gerade werden die malerischen Holzhäuser an vielen Stellen renoviert und modernisiert. Die Neuzeit mit Sat-Schüsseln und Bewegungsmeldern hat in Jurmala längst angefangen. Der Platz, der nur durch hellseherische Fähigkeiten zu finden war, ist an eine Art Vergügungspark angeschlossen. Das überdimensionale Beefeater-Zelt könnte einen schon etwas in Panik bezüglich der Nachtruhe versetzen. Komisch, wie die Stimmung hier ist: es wird eher ruhiger, und da es leider nichts zu Essen gibt und wir vor lauter Fahren und Suchen vergessen haben einzukaufen, legen wir uns mit leeren Mägen in den Schlafsack.
Durch die ganze Hektik mit Campingplatzsuche verpassen wir leider die eigentliche Hauptsache: Riga feiert an diesem Wochenende 800 Jahr-Feier. Später erfahren wir, dass wir besser mitgefeiert hätten als nach einem Campingplatz zu suchen. Über die ganze Stadt verteilt gab's Live-Konzerte und viele andere Aktionen. Morgens gehts dann nach Riga rein. Wir schauen zuerst beim Yamaha Händler vorbei: Der Kupplungszug der 500er ist schon ziemlich angefressen und wir nutzen die Gelegenheit uns mit Ersatz zu versorgen. Das Originalteil ist natürlich nicht da und mit etwas Phantasie wird der einer XJ600 angepasst. Vor lauter Freude über ihren neuen Kupplungszug schmeißt Heike dann am nächsten Tag ihre XT um: jetzt ist der Hebel zur Hälfte abgebrochen. Wir schienen ihn kurzerhand mit einem Stück Holz und Isoband und so wird bis nach Hause gefahren.

Jugendstilhaus in Riga Der Tag in Riga war wunderschön. Die Stadt wirkte "westlich und reich", auch wenn die Randgebiete wieder plattenbauverseucht waren. Bis zu Beginn des 2. Weltkrieges war Riga eine florierende Hansestadt und unzählige Bauten zeugen von diesem Reichtum. Sollte diese Stadt in ein paar Jahren komplett renoviert sein, kann sie sich locker mit Prag oder Wien messen. Ein Viertel besteht fast ausschließlich aus Jugendstilbauten. Vor allem der Architekt Mikhail Eisenstein, Vater des berühmten Filmemachers, hat einige Häuser hier gebaut.
Der Kontrast zwischen Land und Stadt ist hier immer wieder erstaunlich. Ausserhalb der Städte ist das Leben zu 90% von der Landwirtschaft bestimmt, auch wenn das den Leuten dort teilweise gerade mal so zum Überleben reicht. Dabei birgt das Land unzählige touristische Möglichkeiten, und wir sind jedesmal wieder erstaunt, warum an jenem See oder in diesem Tal nicht mindestens 10 Campingplätze und 5 Cafes hingestellt wurden.


Von Riga bis zum Peipsi See

An unserem nächsten Halt, nur ca. 100km, weiter, sieht das schon anders aus. Das Gauja Tal mit Cesis als Stützpunkt ist das Naherholugsgebiet von Riga. Man könnte es schon fast als erschlossen bezeichnen - und dabei ist es hier trotzdem erstaunlich ruhig. Ausnahmsweise gibt es direkt am Platz trinkbares tolles Wasser aus einem Brunnen mit Elektropumpe. Wie fast immer campen wir am See und springen morgens zum wach werden erst mal in die kalten Fluten.
Der nächste Tag bringt einen Kanutrip auf der Gauja. Am bestem läßt man sich ein paar Kilometer flussaufwärts fahren und kann dann gemütlich mit ein bißchen Rudern wieder zurückschippern. Etwas ausserhalb von Cesis gibt es auch eine Motocrosspiste, wo die Rigaer Crosser üben. Weil es uns hier in Cesis so gut gefällt bleiben wir noch einen Tag länger. Wir treffen noch Leute aus Finnland, die hier im "Süden" Urlaub machen. Von Cesis in Lettland bis zum Peipus See im Nordosten Estlands wird unsere längste Tagesetappe der Reise.

Estland

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Der nagelneue Grenzübergang in Valka bringt uns nach Estland. Diesmal ist an der Grenze wesentlich weniger los und trotzdem warten wir eine halbe Stunde, bis es weitergeht. Kontrolliert wird nur der übliche Papierkram . Ein Reisender vor uns muss mit den Zöllnern diskutieren, da sein Licht kaputt ist und er so die estnischen Vorgaben (auch tagsüber mit Licht zu fahren) nicht einhalten kann. Wir wollen nicht auf der "Autobahn" der A3 weiterfahren und nehmen den Umweg über Estlands Wintersportgebiet Otepää (1 Lift). Durch hügeliges Gelände gehts weiter zur Universitätsstadt Tartu. Die restlichen 50km bis an den Peipsi See werden immer einsamer. Irgendwie scheint hier das Ende der Welt erreicht zu sein. Wir sind ganz schön geschafft, als wir zum ersten Mal das Ufer des Peipsi Sees erblicken.
An der Ufertrasse zwischen Kallaste-Mustvee-Kauksi bieten immer wieder die Einheimischen an kleineren und größeren Ständen Räucherfisch und etwas Gemüse an. Bei einer Russin, die aus Tschernobyl kommt und auch schon mal in Deutschland war, erstehen wir für unglaubliche 5EEK - also umgerechnet ca. 0,31 - einen extrem leckeren geräucherten Fisch. Mit etwas Brot und einem Bier dazu wird es die Delikatesse des Urlaubs. Wir überlegen, was für ein Aufwand es ist, den Fisch aus dem See zu holen, zu räuchern und auch noch an der Straße zu stehen und zu verkaufen - für so wenig Geld. Was für ein Horror eine Euro-Anpassung für solche Leute sein muss.
Kurz nach Kallaste sieht man zum erstenmal von der Straße aus den Peipsi See. Als wir dort ankommen, bietet sich uns ein surrealer Anblick: See und Horizont können nicht auseinander gehalten werden. Der See ist so still, dass der Himmel wie in einem Spiegel reflektiert und so der der Horizont unsichtbar wird. Hinzu kommt eine alles aufsaugende Stille, wie sie fast nur im Winter bei Schneefall vorkommt. Fast ein bißchen unheimlich. Verstärkt wurde der Eindruck, noch, als wir später laut den Flügelschlag der Krähen beim Fliegen hören.
Wir übernachten bei Kauksi zwischen den üblichen Holzhütten auf einer Art Campingplatz. Der Rest des Platzes scheint verlassen. Nach Sonnenuntergang müssen wir in die Kneipe flüchten: Draußen sind 1 Milliarde Mücken unterwegs aber drinnen läuft die russische Version von Modern Talking... Am nächsten Morgen reist die komplette Belegschaft einer Firma aus Tallinn an. Als ein paar probieren, die Toiletten oder Duschen zu nutzen, bricht die komplette Einrichtung zusammen und der arme Hausmeister ist von nun an beschäftigt, die Sache wieder zum Laufen zu bringen - aber nimmt es gelassen (wie übrigens die Belegschaft auch) und geht die Sache ruhig an. Irgendwann später am Nachmittag gehts dann wieder.
Heike probiert im Peipsisee zu schwimmen, aber nach fast 1km seeeinwärts steht sie immer noch nur bis zu den Knien im Wasser und gibt auf.
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