Kalter Regenwald und Chiloé


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Die Carretera - Chiles Fernstrasse in den Sueden. Unser Reisefuehrer verspricht 1100 km Einsamkeit. Zumindest wird sofort die Piste besser, als wir am Westufer des Lago General Carrera entlangfahren und so kommen wir auch dazu, die wunderschoene Landschaft mit Blick auf tiefblaues Wasser zu geniessen. Von Einsamkeit jedoch keine Spur, Pinochets Besiedlungsprogramm scheint bestens funktioniert zu haben und alle paar Kilometer saeumt ein Dorf das Ufer. Gegen die Ruta 40 herrscht hier Hochbetrieb und irgendwann holt uns auch der Schweizer Dani auf seiner Superteneré ein. Wir verabreden uns auf dem Camping des Oertchens Puerto Tranquilo und er faehrt schonmal weiter. Der Camping liegt idyllisch direkt am See und als am naechsten Tag auch noch Numme und Jeanne auf ihren Maschinen erscheinen, haengen wir noch eine Nacht dran und am Lagerfeuer werden wieder wilde Geschichten zum besten gegeben. Die beiden Daenen waren vor Jahren auch schon in Indien unterwegs und da dort die Menschen nicht glauben konnten, dass eine Frau Motorrad faehrt, musste Numme immer erklaeren, die zweite Maschine mit Fernbedienung fortzubewegen - mit der Geschichte waren die Inder dann zufrieden! Am naechsten Morgen machen wir noch einen Abstecher zum bizarren Ortsfriedhof und dann hat uns die Carretera wieder. Nach wenigen Kilometern kommen uns eine Harley und eine zum Chopper umgebaute XT500 entgegen, aber die Fahrer sind eindeutig zu cool fuer uns und fahren vorbei. Bald danach schon die naechsten, ein australisches Paerchen, er auf einer alten R80G/S, sie, mit neuem Fuehrerschein und einer kleinen 250er. Am Strassenrand wird geplaudert, Adressen ausgetauscht, nach Hause eingeladen, bevor jeder seiner Wege zieht. Immer naeher rueckt der Cerro Castillo, der mit seinen Felsecken und -kanten wirklich wie ein Maerchenschloss erscheint. Ab hier beginnt sogar ein Stueck Asphalt und so schaffen wir den Abstecher zum Lago Elizalde, der uns als Fischparadies waermstens empfohlen wurde. Der Camping ist wie so oft die Wiese einer chilenischen Familie, der Besitzer ist nett, scheint aber Pinochetanhaenger zu sein und schimpft ueber die Linken. Egal, wir geniessen die Ruhe, Markus geht angeln und wiedermal trauen wir uns auf zwei Pferderuecken. Diesmal geht es zwar nicht sofort in den gestreckten Galopp, aber das Pfaedchen entlang der Steilkueste des Sees laesst uns des oefteren die Luft anhalten und wir sind erstaunt, zu was diese Tiere faehig sind (zum Glueck!). Erholt sind wir bereit fuer Coyhaique, der einzigen "Grossstadt" dieser Region mit 35000 Einwohnern. Nach langem wird ausgiebig gemailt, nach Ersatzteilen gefahndet und wir machen uns auf die Suche nach zwei patagonischen Schaffellen, um unsere geschundenen Hintern zu begluecken. Per Zufall kommen wir an einer Lagerhalle vorbei, welche mit frisch abgezogenen Fellen prall gefuellt ist. Wir fragen, ob wir welche abkaufen koennen, aber ein Lagerarbeiter behauptet, sie haetten keine! Etwas verdutzt zeigen wir auf die zigtausend Exemplare hinter ihm und da wird uns erklaert, hier werden nur Felle angekauft. Er winkt uns jedoch in ein Hinterzimmer, vorbei an bluttriefenden Lederfetzen, zwischen denen die Katzen herumtollen und aus einem schon getrockneten Stapel zieht er stolz 2 x Schaf hervor und schenkt uns die brettharten und verdreckten Teile! Wir versprechen, mit ein paar Bier zurueckzukommen, was auch brav geschieht. Am naechsten Morgen ist Waschtag und mit viel Bleichmittel ist das Ergebniss ganz ansehnlich. Die Felle werden zugeschnitten, die Reste von den Hunden verspeist und fertig sind die neuen, oekologisch, aerodynamischen Sitzpolster fuer unsere XT´s. Umso angenehmer geht es weiter. Wir muessen eine 30 km lange Baustelle passieren, die jedoch nur stundenweise taeglich offen ist, da in der restlichen Zeit gesprengt wird. Was fuer ein Chaos, Bauarbeiter und ihre Maschinen stehen kreuz & quer im Weg und wir muessen uns eine Spur durch die schlammige Piste suchen. Ungluecklicherweise beginnt es auch noch zu regnen und nach einigen Schlitterpartien sind wir froh, das Ende zu erreichen. Bald darauf beginnt der Nationalpark Queulat. Ziemlich beeindruckend saeumen Riesenfarne den Weg und nur die Fahrschneise zieht sich durch das Dickicht. Der "kalte Regenwald" macht seinem Namen alle Ehre und im Nieselregen bauen wir am Flussufer unser Zelt auf.

Auch tags darauf wird es nicht trockener, wir passieren Fjorde und Seen, Salzwasser und Suesswasser wechseln sich ab mit kleinen Doerfern, die vor 80 Jahren von Sudetendeutschen gegruendet wurden, aber bis Chaltén wird das Wetter nicht besser und so unterbrechen wir unsere hunderttaegige Zeltphase und nehmen uns ein Zimmer! Als der Regen weiter anhaelt beschliessen wir, auf den Pumalinnationalpark zu verzichten und gleich eine Faehre zur Insel Chiloé zu nehmen. Schade, denn Pumalin wurde von dem US-Billionaer Douglas Tompkins gegruendet, der vor einiger Zeit seine Firmen Northface und Esprit verkauft hat, um mit dem Geld den Regenwald zu retten und der Park soll unglaublich schoen sein. Auf dem Weg zur Faehre treffen wir tatsaechlich John & Annette wieder, die dasselbe Schiff gebucht haben! So laesst sich die 4-stuendige Verspaetung (verursacht wiedermal von einem steckengebliebenen LKW!) mit dem Austausch der letzten Erlebnisse ueberbruecken.

Chiloé ist anders als Chile, die Menschen sprechen einen unverstaendlichen Dialekt, haben eine dunklere Hautfarbe und auch die bunten Holzhaeuser (z.T. auf Stelzen) haben wir nur hier gesehen. Dazu kommt noch ein ziemlich ausgepraegter Aberglaube an Elfen und andere Fabelwesen. Sehr nett ist die Geschichte vom Tralko. Das ist ein kleiner, haesslicher Gnom, der auf junge Maedchen, die nachts alleine unterwegs sind, wohl unwiderstehlich wirkt und diese schwaengert. Dadurch gibt es hier keine unehrenhaften, unehelichen Schwangerschaften, denn fuer den Tralko kann keiner was...Trotzdem waren die Chiloten bis zuletzt der spanischen Krone treu und als Chile unabhaengig wurde, haben sie sich in ihrer Verzweiflung sogar England angeboten, um ja nicht chilenisch zu werden. Hat aber alles nix genutzt, doch besser ist das Verhaeltniss dadurch nicht geworden. Die Insel ist beruehmt fuer ihre Fischspezialitaeten und so besuchen wir in den naechtsen Tagen einige Restaurants und essen zu laecherlichen Preisen superleckeren Lachs, Corvina und andere feine Sachen (an alle Vegetarierfreunde zuhause, ich hoere daheim sofort wieder damit auf - Ehrenwort!!!). Die Spezialitaet hier, roher Seeigel mit Limetten, lehnen wir dankend ab. Mit den beiden durchgeknallten Englaendern machen wir noch einen Ausflug zur unbewohnten Westkueste, bevor uns die naechste Faehre wieder aufs Festland bringt.

Von da fahren wir vier erstmal zum See mit dem huebschen Namen "Todos los Santos", der direkt am Fusse des Vulkan Osorno liegt. Hier wagen wir uns sogar ins kalte Wasser und waeren vielleicht auch so noch etwas geblieben, aber bei Einbruch der Daemmerung, stuerzen ploetzlich Massen von Wanzen auf unser Zelt, in die Kochtoepfe, auf ALLES und als uns auch noch die Mosquitos aussaugen wollen beschliessen wir, am naechsten Morgen weiterzufahren. Wir wollen zurueck nach Argentinien und Bariloche, wo schon Dani & Nicole auf ihre Eltern und uns warten. Vorher gibt´s noch einen Zwischenstopp in Villa La Angostura, wo Numme & Jeanne gerade eine Auszeit vom Motorradfahren nehemen - so besuchen wir Reisende auf unserer Reise...In Bariloche sind auch schon Benni & Nadja (Schweizalarm!) auf dem Camping. Zu acht kann die Asadoparty beginnen!!

Letzte bekannte Position: S44°/33'/23,9'' W72°/28'/22,1''




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