La Paz und ein Gipfel


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Vor der atemberaubenden Kulisse des Illimani erreichen wir El Alto, das Armenhaus und die Satellitenstadt von La Paz. El Alto liegt, wie der Name schon sagt, ueber dem Stadtzentrum am Berghang weiter oben wo die Luft duenner ist. Durch El Alto kaempfen wir uns zusammen mit ca. 1 Milliarde Minibusse, die in Bolivien das Fortbewegungsmittel Nr. 1 sind. In die kleinen Toyota und Kia Kisten werden unglaubliche Mengen von Menschen, inklusive Gepaeck gepackt. Dazu kommt ein unertraeglicher Qualm, von den, in der Hoehe sowieso ueberlasteteten Motoren. Nach der Zahlstelle auf der Stadtautobahn an der Grenze zwischen El Alto und La Paz wird es schlagartig ruhiger. Die Stadtautobahn schlaengelt sich immer am Hang entlang in die Tiefe. Immer wieder hat man einen atemberaubenden Blick, fast wie aus einem Flugzeug im Landeaunflug, auf das Haeusermeer unter einem. Wir tauchen ein in das geschaeftige Treiben dieser Grossstadt. Im Hotel koennen wir netterweise die Bikes direkt durch die Rezeption in das nichtbenutzte Restaurant fahren und dort parken. Im Gegensatz zu anderen Metropolen Suedamerikas gibt es hier, wie auf dem Lande Boliviens, die Campesinos, die entlang der Strassen ihr Gemuese und Obst sowie Coca Blaetter verkaufen und was man sonst noch so zum Leben braucht.

Unser Hotel liegt mitten im Viertel der Hexenmaerkte und wenn man aus der Tuer kommt, hat man gleich den Blick auf ein Sortiment von Lamafoeten in jedem Entwicklungsstadium. Neben den Lamas wird hauptsaechlich eine Art Opferteller mit allerlei Sachen verkauft. Meist sind es Kraeuter, bunte Wolle, Konfetti, Spielgeld, Gewuerze und Miniaturnachbildungen von Gegenstaenden des teaglichen Lebens aus Wachs (Haueser, Autos,Busse, Computer...). Beim Kauf gibt die Verkauferin dann nach Gutduenken noch etwas Konfetti oder Kraueter hinzu, wickelt das ganze Packet dann zusammen und stopft es in eine Plastiktuete. Zuhause wird der Teller dann auf einem speziellen Brenner verbrannt und man hofft, die Wuensche gehen im Laufe des folgenden Jahres in Erfuellung. Die Lamafoeten werden auch gerne beim Hausbau in die Ecken mit eingemauert. Da unsere bolivianische Verdauungsmisere immer noch keinen durchschlagende Besserung zeigt, suchen wir in La Paz einen Arzt auf. Circa 40 Minuten nachdem er ueber die Existenz unserer Reiseversicherung Bescheid weiss, liegt Heike am Tropf in einer Klinik! Intravenoes gibt es abwechselnd zwei Sorten Antibiotika und Salzloesung. Tatsaechlich wird spaeter bei ihr Kaliummangel festgestellt. Nach eingehenden Untersuchungen bleibt jedoch von den anfaenglich vermuteten Salmonellen oder Amoeben "nur" eine besondere Art Coli Bakterien uebrig. Die Medikation wird auf eine Sorte Antibiotika-Tabletten umgestellt und so kann sie nach 3 Tagen die Klinik wieder verlassen. Bei mir beschraenkt sich das Ganze auf Antibiotiktabletten, die auch bald ihre Wirkung zeigen. Nach der Sache beschliessen wir, da uns La Paz eigentlich sehr gut gefaellt, noch eine Woche dranzuhaengen.
Die naechsten Tage nutzen wir zum Einkaufen. Die Strassen im Viertel um unser Hotel sind gesaeumt von Artesania Staenden, die von Webwaren ueber Musikinstrumente und Silberschmuck bis hin zu den typischen bolivianischen Tragetuechern, den Mantas, alles Moegliche anbieten. Schlussendlich landen wir mit einem 8kg Paket voller Souvenirs bei der Hauptpost. Verpacken darf man erst, unter Aufsicht der Beamten, nachdem der Zoll alles peinlichst auf irgendwelche Coca Produkte untersucht hat. Danach gibt es einen Stempel drauf und das Paket wird dann noch komplett in ein weisses Baumwolltuch eingenaeht (mas seguro !).
Neben dem Illimani gibt es bei La Paz noch einen weiteren sechstausender Hausberg, den Huayna Potosi (6088). Mit meinem glorreichen alpinen Background (bisher hoechster und fast einziger Gipfel: Simillaun 3610m) denke ich mir, die naechsten 2,5 vertikalen Kilometer koennen nicht viel schwerer werden und melde mich zu einer 2 Tages Tour an. Mit zwei Bergfuehrern und einem amerikanischen Paar geht es am naechsten Morgen per Jeep zum sog. Zongo Damm, auf 4700m am Fusse des Berges. Nun werden Zelte, Essen, Kletterausruestung und Kochzeug auf alle fuenf verteilt und wir machen uns auf den Weg zum Basislager, am Rande eines Gletschers auf 5250m. Hier stellen wir auf einem Geroellfeld die Zelte auf und geniessen bei Tee und Keksen schonmal das wunderschoene Panorama der umliegenden Cordillera Real.
Kurz nachdem die Sonne verschwindet, verschwinden auch wir schnellstmoeglich im Zelt, da draussen die Temperaturen rapide fallen. Zum Abendessen gibt es noch eine Suppe und als zweiten Gang Spaghetti á la Lama Bolognese und in den folgenden Stunden probieren wir noch, etwas Schlaf/ Ruhe zu finden, da es schon um Mitternach weitergehen soll. Trotz heftigem Wind bleibt es zu dritt im Zweimannzelt angenehm warm, trotzdem bringe ich es aber, wegen der Hoehe, Wind und Aufregung, zusammengerechnet auf nicht mehr als eine Stunde Schlaf, bevor unser Bergfuehrer um kurz nach Mitternacht am Zelt wackelt und "¡Desayuno Chicos!" ruft. Draussen ist es in der mondlosen Nacht stockfinster und es weht ein eisiger Wind und ich frage mich, ob ich das Broetchen lieber trocken esse oder, da man dazu die Handschuhe ausziehen muss, noch halbgefrorene Marmeladenwuerfel dazugebe. Schon das Anziehen der Steigeisen und des Klettergurtes bringen mich in akute Atemnot und ich zweifle, ob ich wirklich am richtigen Ort bin.
Um kurz nach halb zwei Uhr morgens laufen wir angeseilt in einer zweier und einer dreier Gruppe auf dem Gletscher los. Anders als es am Vortag aussah, fuehlen sich die Haenge nun doch wesentlich steiler an und alle, bis auf den pfeifenden Bergfuehrer, kaempfen doch etwas mit der duenner werdenden Luft. Der Amerikanerin wird das bald zuviel und sie kehrt mit einem der Bergfuehrer zum Basislager zurueck, waehrend wir nun zu dritt weitergehen. Ein immer steiler werdender Hang geht ueber zum ersten groesseren Hinderniss, einer 50m Schneewand, die sich im Lichtkegel der Stirnlampe fast senkrecht vor mir aufbaut. Hier kommt der Eispickel nun richtig zum Einsatz und ich brauche, nach dem wohl doch zu schnellen Aufstieg der Passage, auf dem obenligenden Plateau im Schnee liegend mehrere Minuten, um wieder zu regelmaessigen Atem zurueckzufinden. In den darauffolgenden Stunden gehen wir weiter ueber steile Haenge aufwaerts, waehrend ich mir oefters ueberlege einfach umzudrehen und den frostigen Wind, der ab und zu so auffrischt, dass Schnee und Eis mit aufgewirbelt werden, gegen Zelt und Schlafsack zu tauschen. Nach etwa 4 Stunden Auftsieg stehen wir am Fusse der Gipfelwand, deren Ausmasse ich zum Glueck im Schein der Lampe nicht sehen kann. Weitere eineinhalb Stunden arbeiten wir uns nun ca. 5 Seillaengen ueber die 50° geneigte Wand. Immer zwei drei Schritte hoch, Eispickel weiter setzen, ausruhen, wieder Luft holen und dann das Ganze wieder von vorne. Jedesmal wenn wir stehenbleiben um Luft zu holen und dabei zu lange warten, zieht der Bergfuehrer wieder etwas am Seil, um uns daran zu erinnern, dass wir noch nicht oben sind. Es ist fast wie ein ungewollter Wettlauf mit den anderen Gruppen, die auch hin und wieder stehen bleiben, um sich auszuruhen. Manchmal liegen wir weiter vorne und manchmal die anderen. Im ersten Daemmerlicht der aufgehenden Sonne die sich ueber dem bolivianischen Tiefland breitmacht, klettern wir die letzte Seillaenge bis zum Gipfel. Auf dem kleinen Gipfelplateau schmeisse ich mich erstmal in den Schnee, um genuegend Luft in die Lungen zu bekommen, bevor ich den wortwoertlich atemberaubenden Ausblick geniessen kann. Nach Norden erstrecken sich die weiteren Gipfel der Cordillera Real, nach Westen das Altiplano mit Titicacasee und im Osten geht ueber dem wolkenverhangenen Dchungel die Sonne auf.Huayna Potosi
Leider viel zu kurz ist die Zeit auf dem Gipfel, denn schon ist der Schneeanker versenkt, wir seilen ab und machen uns auf den Rueckweg zum Basislager. Nach der Anstrengung der letzten Stunden kommt uns nun selbst der Abstieg so kraeftezehrend vor, dass wir jede Gelegenheit nutzen, uns in den Schnee fallen zu lassen und einfach auszuruhen. Im Basislager gibt es frischen Tee und nachdem wir uns gestaerkt haben und die Zelte und den Rest der Ausruestung wieder verteilt wurde, geht es zurueck zum Damm und dann mit dem Jeep wieder nach La Paz. Nach einer heissen Dusche lege ich mich ins Bett und hole erstmal den Schlaf der vergangenen Nacht nach..."



letzte bekannte Postion: S:16.26°, W:68.18° Hoehe: 6088m (Gipfel Huayna Potosi)




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