Gran Poder und ein See


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Bevor wir zum Lago Titicaca fahren, besuchen wir erst noch das Staedtchen Tiahuanaco. Jetzt mitten in der Pampa, solles vor 1000 Jahrendirekt am See gelegen haben und das Zentrum der Tiwanaku-Kultur gewesen sein. Niemand weiss, wie und warum dieses Volk verschwand, die Ueberreste wurden erst von den Spaniern gepluendert und die verlassenen Gebauede jahrhundertelang als Steinbruch genutzt. Trotzdem ist auch das wenig Erhaltene noch beeindruckend. Riesige behauene Steinmonolithe, ein 10t schweres Sonnentor, Tempelanlagen mit perfekten Mauern und darin eingelassenen Steinkoepfen lassen uns erahnen, welch eine hochentwickelte Kultur hier einst lebte. Sehr faszinierend sind auch die Terassenfelder, eine hoechstkomplizierte mehrschichtige Anlage, in der Sonneneinstrahlung und Nachtkaelte auf knapp 4000 m beruecksichtigt wurde und mit deren Ertrag hier wohl mal knapp hunderttausend Menschen ernaehrt werden konnte! Auch auf dem weiteren Weg zum See gibt es noch einige dieser Felder und sie werden inzwischen sogar wieder zum Anbau genutzt.

Um zum Ort unserer Wahl zu gelangen, muessen wir erst eine kleine Seeenge mit der Faehre ueberqueren und John & Annette hatten uns geraten, nur ein Boot mit Holzplanken zu nehmen. Als wir an der Anlegestelle ankommen wird uns erst klar, dass die andere Alternative nur ein Boot mit fehlenden Planken waere. Unseres sieht noch relativ intakt aus, von ein paar Loechern und morschem Holz mal abgesehen. Nur das Manoevrieren und Wenden faellt etwas schwer, da man oefters in einem Loch steckenbleibt und als ich versuche, Markus und sein Motorrad zurueckzuziehen, betaetigt er zu spaet die Handbremse und katapultiert mich so beinahe ins eiskalte Wasser! Fischer, die hier ueber Bord gehen, werden einfach ihrem Schicksal ueberlassen und dienen so als Opfergabe an Pachamama (Mutter Erde). Sowas passiert im Jahr wohl oefters und ich hoffe nur, dass sie mit Touristinnen weniger unsanft umgehen!

Aber nein! Wir gelangen trockenen Fusses zum anderen Ufer und fahren die letzten Kilometer nach Copacabana. In diesem Staedtchen direkt am See haben wir uns mit den Dresdner XT´lern Robert und Andre verabredet und als wir das Hotel finden, stehen auch schon ihre Mopeds davor. Unsere Zimmer haben Seeblick und Titicaca besticht auf 3800 m Hoehe und der intensiven Sonneneinstrahlung mit seinen Farben. Er ist der hoechste schiffbare See der Welt und um einiges groesser als unser schwaebisches Meer. Copacabana vorgelagert liegt die "Isla del Sol", einst Kultstaette der Inkas, deren Volk der Legende nach hier seinen Ursprung hatte. Wie alle moechten auch wir vier diese Insel besuchen, nehmen aber nicht wie jeder die Faehre 10 m von unserem Hotel entfernt, sondern wollen dies mit einer "kleinen" Motorradtour verbinden und einen entfernteren Hafen ansteuern.

Frueh morgens geht es also los, ich bei Markus auf meiner XT hintendrauf, sehr zu seinem Aerger wegen der nichtvorhandenen Power und da er bei jedem zu schnell ueberfahrenen Hubbel dazu noch angeschnautzt wird, gefaelligst nicht meinen Ruecken zu ruinieren...Vielleicht war es zu uncool, vorher nach dem Weg zu fragen, jedenfalls biegen wir irgendwann einfach mal auf eine Piste ab und nach etwas hin & her folgen wir schliesslich einem Eseltrampelpfad mit losem Geroell und Matschpassagen. Manchmal nur im Schrittempo geht es weiter, wobei ich oefters nebenher laufe oder wir uns ersteinmal eine Spur freilegen muessen. Positiv betrachtet koennte man sowas vielleicht noch als "Endurowandern" bezeichnen und zuhause wuerden einige Motorradfahrer sicher Unsummen dafuer bezahlen - den Jungs macht es sichtlich Spass! Als wir endlich auf den richtigen Weg treffen, werden wir auch noch von 2 Hunden attackiert und einer klaefft nicht nur, wie all seine anderen verrueckten suedamerikanischen Freunde, sondern beisst beherzt in meine Wade. Gluecklicherweise sind wir schnell genug, er erwischt mich nicht richtig und lediglich mit einer Quetschung kann ich auf eine Tollwutbehnadlung verzichten. Irgendwann, nach Ueberwinden aller Hindernisse, gelangen wir tatsaechlich auf diese sagenumwobene Insel. Die Inkaruinen koennen uns jedoch nicht begeistern, der Spaziergang ist aber nett und bietet einige Ausblicke auf das schneebedeckte Massiv des Illampu und den tiefblauen See um uns herum.

Tags darauf fahren Robert und Andrè weiter nach La Paz und wir folgen ihnen einen Tag spaeter mit dem Bus. Am Wochenende soll dort ein gigantischer Strassenumzug stattfinden, weswegen wir nochmal zurueckkehren. Die Busfahrt ist anstrengend, Menschenmassen werden in die Kabine gequetscht und wir halten an jeder Kurve, um zu be- und entladen. Wiedermal sind wir froh, den Luxus unseres eigenen Transportmittels zu haben und nicht, wie all die Backpackers, auf oeffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Die Reise waere wegen des Nervfaktors sicher schneller zu Ende gewesen...

So erreichen wir La Paz, wo schon alle dem "Gran Poder" entgegenfiebern. Urspruenglich eine jaehrliche Prozession zu Ehren Jesus Christus, wurde die mehr und mehr zu einem riesigen Strassenumzug der indigenen Bevoelkerung mit Tanz, Musik und viel Alkohol.

In der Nacht davor wird an jeder Ecke eifrigst gewerkelt und statt der Strassenstaende entstehen ueberall klapprige Holztribuenen. Frueh am naechsten Morgen mieten auch wir uns 4 Sitzplaetze und machen Fotos und MD-Aufnahmen von den vorbeiziehenden Gruppen. Einerseits nehmen hier die verschiedenen Indios des ganzen Landes in bunten, traditionellen Trachten teil, andererseits gleicht alles einer kleinen Zeitreise durch die bolivianische Geschichte.

Die spanischen Eroberer werden mit clownesken Torrerokostuemen und Pappmachèstieren verballhornt und einige Gruppen erinnern, mit schwarz angemalten Menschen in Bastroecken und Ketten, an die Sklaven, die frueher hier in den Minen schuften mussten.

Ueber 20.000 Personen in 52 Gruppen nehmen teil, jede mit einer eigenen Musikcombo und ueber Blechblaeser, Panfloeten bis zu Trommeln ist alles lautstark vertreten. Bald sind die meisten stockbesoffen, die Musik klingt dementsprechend schraeg und ueberall torkeln die Leute umher. Nach 5 Stunden und nichteinmal der Haelfte geben wir irgendwann erschoepft auf und gehen lieber Cafètrinken. Als wir kurz vor Mitternacht nochmal zurueckkehren sind mittlerweile die letzten Gruppen am Start, der Strassenrand hat sich etwas geleert und auf den Tribuenen liegen mitlerweile schlafend die Putztrupps, die sehnlichst ein Ende abwarten.

Nach einem letzten gemeinsamen Fruehstueck verabreden wir uns tags darauf mit Robert und Andrè fuer den Herbst in Dresden und nehmen den Horrorbus zurueck zum See.




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