Der leuchtende Pfad


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Diesmal kommen wir aus Cusco viel schneller raus, da, verglichen mit der Zeit um das Inti Raymi Fest, fast nur normaler Verkehr herrscht. Unser Tagesziel heisst Abancay und ist 195km entfernt. Sie Strecke fuehrt hauptsaechlich durch landwirtschaftlich genutzte Gebiete und es gibt kaum laengere Abschnitte ohne Haueser und Felder neben der Strasse. Eine Kurve reiht sich an die andere, ohne gerade Stuecke dazwischen. Auf einem 4000m Pass, ca. 60km vor Abancay, zweigt eine Strasse nach Chokekirao ab, zu relativ neu entdeckten Inkaruinen (wie wir spaeter erfahren). Kurz nach der Passhoehe kann man Abancay schon sehen, obwohl man noch gute 50km entfernt ist. Die Strasse windet sich in unendlichen Kuven ins Tal hinab. In einer dieser Kurven steht am Strassenrand eine Enduro mit viel Gepaeck daneben. Es ist ein peruanisches Lehrerpaar auf dem Weg zu einem kleinem Dorf in der Naehe von Cachora, wo sie Quechua unterrichten. Ungluecklicherweise ist an der XL185S die Kette gerissen, oder hat sich irgendwie anders geoffnet. Ein Teil der Kette ist zwischen Ritzel und Motorgehause und Ritzelabdeckung eingeklemmt. Mit einer Feile kann ich an die total vernudelten Kreuzschlitzschrauben der Ritzelabdeckung eine Phase anfeilen und sie dann mit einem Schraubenzieher oeffnen. So kommt die Ritzelabdeckung runter und ich kann die Kette befreien und spaeter wieder montieren. Irgendwie taucht waehrend der ganzen Prozedur das Kettenschloss auf und ich bin mir nicht sicher wie die Kette eigentlich aufgegangen ist?
Die beiden Lehrer sind auf jeden Fall uebergluecklich, dass die Honda wieder faehrt und die Frau erklaert uns, dass da hoehere Maechte im Spiel gewesen waeren, da wir zum richtigen Zeitpunkt hier vorbeigekommen sind. Ein Zuckerrohrschnaps mit Anis aus der 1,5L Plastikflasche wird herumgereicht und dazu gibt es geroestete Bohnen, die so hart sind, dass ich sogar Angst um meine noch festen Zaehne (vergl. Bericht Ushuaia Fin del Mundo - Fin de las Muelas) bekomme. Wir sollen auf jeden Fall sagen, wann wir wieder in Abancay sein werden, denn die Frau teilt uns mit, dass sie jetzt dieses Kettenreperaturevent als Anlass nimmt, ihre Kinder zu taufen und wir sollen als Ehrengaeste eingeladen werden. Wir sind verwundert, verstehen nicht recht, konsultieren hin und wieder das Woerterbuch und erklaeren freundlich, dass wir uns sehr geehrt fuehlen, aber eigentlich gar nicht so genau wissen, ob und wann wir nach Peru zurueckkommen. Wir wuerden aber auf jeden Fall vorher Bescheid geben... Bei einigen weiteren Schluecken Aguardiente de Caña (Zueckerrohrschnaps) erfahren wir noch von den Inkaruinen bei der Passhoehe und als uns der 10te LKW in der unuebersichtlichen Kurve anhupt und sich die Sonne schon hinter den ersten Berggipfeln versteckt, die Adressen getauscht sind, machen wir uns auf, den Rest der 8ter Bahn nach Abancay runterzufahren.
Einige Kilometer hinter Abancay endet mal wieder der Asphalt. Die Piste die sich anschliesst, ist eigentlich nicht so schlecht, jedoch reiht sich, abgesehen von den nicht enden wollenden Kurven, ein riesiges Loch an das andere. Der Staub in den Kurven ist so fein wie Mehl und schon nach wenigen Kilometern sind wir und die XT's mal wieder im uni-ocker Look. Die Menschen in den Doerfern schauen uns erstaunt hinterher, scheinbar kommen hier nicht soviele Motorradreisende durch. Die Kinder machen sich einen Spass daraus, uns Steine hinterherzuwerfen. Am Abend erreichen wir nach 150km geschafft Andahuaylas. und haben mal wieder einen witzigen Parkplatz fuer die Bikes. Diesmal koennen wir sie in der Diskothek neben dem Hotel einstellen.
Am naechsten Tag folgt eine lockere Etappe mit 95km bis nach Chincheron, auf der wir mal wieder fast mehr Hoehenmeter als Strecke zuruecklegen. Abends treffen wir noch die franzoesischen Fahrradfahrer Agnes und Laurent , die am Anfang ihrer Fahrradweltreise stehen. So wird es beim Austausch von Reiseinfos und Geschichten ein sehr netter Abend.
Auf dem Weg nach Ayacucho durchqueren wir einige tropische Flusstaeler, bevor es dann wieder auf 4000m hoch geht. Dort unten leben die Menschen noch in einfachen Bambushuetten ohne Strom und bestellen ihre Felder mit Zuckerrohr, Bananen, Orangen und Papaya. Auf den letzten Kilometern muessen wir noch mal viel Staub schlucken und kurz vor der Stadt erfahren wir bei einer Polizeikontrolle, dass die andere Piste, die in den Bergen vor ca. 80km abzweigte, viel besser gewesen waere. Wir hatten diese jedoch nicht gewaehlt, da die Strasse auf der Landkarte wesentlich kleiner dargestellt war.
Ayacucho, das war lange Zeit ein gefuerchteter Ort, da Hauptsitz des Sendero Luminoso (Der leuchtende Pfad). In diesen Jahren haben sich die peruanischen Busgesellschaften hier nicht durchgetraut und sind lieber, auf dem Weg von Lima nach Cusco, einen grossen Umweg entlang der Kueste gefahren. Selbst fuer das Militaer war die Region gefaehrliches Terrain und fest in der Hand der Guerillas. Urspruenglich als linke Organisation gegruendet, die die Interessen der indigenen Bergbevoelkerung vertrat, wurde der leuchtende Pfad als offizielle Partei aufgeloest und die ehemaligen Parteifuehrer vekuendeten, der Weg der unbewaffneten Haende sei nun beendet.
Daraufhin machte sich, in der von vielen staatlichen Hilfen vernachlaessigten Region, die Gewalt breit und brachte ueber 20 Tausend Menschen den Tod. Viele veraengstigte Campesinos verliessen ihre Doerfer und fluechteten aus den Anden an die Kueste. Als dann alles in Terror umschlug und sich auch gegen die Bergbevoelkerung richtete, also die eigenen Leute, verlor der Sendero an Popularitaet und der vom Staat erzeugte Gegenterror hat wohl den Rest zur Aufloesung beigetragen. Heute ist die alte Kolonialstadt sehr friedlich, oeffenet sich dem Tourismus und hat einiges an Sehenswurdigkeiten zu bieten.
Nach Ayacucho verlassen wir die Anden vorerst und machen uns auf den Weg an die Kueste nach Pisco. Je naeher wir kommen, desto karger wird die Landschaft, lediglich in dem Flusstal, in das sich die Strasse von ueber 4700m bis auf Meereshoehe herabwindet, gibt es noch nennenswerte Vegetation und Landwirtschaft. Kurz vor der Kueste wird hauptsaechlich Baumwolle und Zuckerrohr angebaut und schlagartig aendert sich die Kleidung der Menschen, die hier kaum noch Tracht tragen. Bei Pisco gibt es sozusagen das Gegenstueck zur Peninsula Valdez (Meerestiere) in Argentinien. Beruehmt fuer die Vielzahl der Meeresvoegel, die am fischreichen Humboldtstrom leben, ist die Halbinsel Paracas. Doch wir sind etwas enttauescht, als wir von einem wackligen Aussichtsturm herunter, in einem Kilometer Entfernung durch das Teleobjektiv der Kamera die Voegel gerade so erahnen koennen. Spaeter sehen wir auf dem Weg nach Sueden, entlang der peruanisch-chilenischen Kueste, wesentlich mehr Voegel auch aus naechster Naehe.
Von Pisco aus fahren wir gemuetlich an einem Vormittag nach Huacachina. Hier gibt es, nahe der Kueste, inmitten von hohen Sandduenen, eine echte Oase. Die Duenen drumherum sind so steil, dass man hier mit einem Sandboard gut Spass haben kann. Auch wir mieten uns zwei Bretter inklusive Wachs und machen uns auf den schweisstreibenden Weg nach oben. Zunaechst fahren wir von einer kleineren Duene ab, um ein Gefuehl fuer die Sache zu bekommen. Spaeter geht´s von der grossen Duene runter, allerdings nur zweimal, denn das Hochlaufen bedeutet jedesmal eine halbe Stunde harte Arbeit. Wir liegen mehr im Sand als dass wir auf den Brettern stehen und noch Tage danach finden wir ueberall kleine Sandhaufen in unserer Kleidung. Abends fallen wir dann total erledigt ins Bett. Tags darauf geht es weiter nach Nasca, wo wir uns nochmal mit Sibylle und Marco, den schweizer Weltreisenden, treffen wollen.


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